Zu Besuch bei der ältesten Buchhändlerin Deutschlands

 

Helga Weyhe ist bemerkenswert unerschütterlich in ihren Empfehlungen.

Sie sagt: "Diese Autorin kann schreiben", und ich kaufe das Buch.

Sie sagt: "Das ist ein gutes Kinderbuch", und schon liegt es in meiner Tasche.

Und natürlich lasse ich mir Stoffel von Erika Mann empfehlen. Helga Weyhe ist so reizend, mir eine Widmung hineinzuschreiben. Und als ich sie frage, ob ich sie fotografieren dürfte, zumal sie mit 95 Jahren die älteste Buchhändlerin Deutschlands ist, sagt sie mit einem lieben Lächeln: "Aber ja, es kommen viele, die mich fotografieren." Hinter mir stehen drei junge Männer, gebürtige Salzwedeler, die mich ein wenig auslachen. Ja, Helga Weyhe ist nicht nur eine lokale Berühmtheit, man kennt sie, wie sie selbst in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt hat "von Boston bis Bombay" (Quelle: Christoph Richter, Deutschlandfunk).

 

Man muss sich das einfach nur mal vorstellen. Die Buchhandlung gibt es durchgehend seit 1840. 1846 wird ihr Großvater geboren. 1871 kauft der kaum 25-Jährige die Buchhandlung, zu Zeiten Bismarks, da stand man noch unter den Auswirkungen des deutsch-französischen Krieges. Die Einbauten ihres Geschäftes sind original von 1880. Wo gibt es denn noch so etwas? Nicht nur ihre Großmutter kam aus Niedersachsen (Uelzen) sondern viele Leser. Mit der Grenze waren diese Leser auf einen Schlag weg und man musste sich etwas einfallen lassen, damit die Buchhandlung weitergeführt werden konnte.

Helga Weyhe konnte ihr Studium u.a. in Breslau und Wien nicht fortsetzen und übernahm die Buchhandlung ihrer Eltern, die sie bis heute führt. Allein. Verlagsvertreter kommen nicht zu ihr. Sie meint, es sei kaum ein Geschäft in Salzwedel zu machen. Die fahren lieber nach Magdeburg (sie spricht es Machdeburg aus) oder nach Stendal. Sie bestellt ihre Bücher online oder per Verlagskatalog. Auffallend an ihrem Laden ist, dass es nicht einen einzigen Liebesroman in rosafarbenem Cover gibt. Helga Weyhe mag keinen Main-Stream, sie liebt das Besondere.


 

Sie hatte Träume. Natürlich hatte sie die, wie jedes junge Mädchen. Sie wäre gerne zu ihrem Onkel nach New York gegangen, um dort in seinem Kunstbuchladen zu arbeiten. Den größten Kunstbuchladen seiner Zeit (1930). Er, Erhard Weyhe, organsierte die erste Matisse-Ausstellung in Big Apple. Die gesellschaftspolitischen Wirren haben eine Übersiedlung nach New York nicht zugelassen. Ihre Träume platzen, ihre Buchhandlung blieb bestehen und wurde nicht enteignet. Auch das bemerkenswert. Nun hat sie in diesem Jahr den Deutschen Buchhandlungspreis (Sonderpreis) bekommen.

 

Ich gratuliere von ganzem Herzen.

 

Ihre Astrid Seehaus