Das Geschenk

Geschenkt wird in den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich. Ich habe über das Geschenkverhalten in Japan gelesen, dass man das Geschenk annimmt, so viel ich mich erinnere mit beiden Händen, und es dann erst einmal beiseite legt, um das Mitbringsel später zu öffnen. Man wolle den Gast nicht brüskieren, falls das Geschenk nicht gefällt, indem man seine Freude nicht genügend ausgedrückt hätte etc. pp.

 

Mein erster Gedanke war, können die Japaner nicht schauspielern?

 

Das Schauspielern haben wir doch schon als Kind gelernt. Wie oft musste ich mich verstellen, um die schenkenden Erwachsenen nicht zu kränken. Was hat man da nicht alles an Grimassen gezogen und Faxen gemacht, damit die Stimmung nicht verdirbt. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid war in diesem Fall alleiniges Leid, das ganz auf meiner Seite lag. Ich denke da an meine Konfirmation: Drei Handtücher und ein schmaler goldener Armreif mit Gravur (von meiner lieben Patentante) waren die Ausbeute eines harten und langatmigen Feierwochenendes. Die übrige Verwandschaft kam ohne Geschenke, dafür brachte meine andere Tante ungebeten ihren sehr lustigen Liebhaber mit, der es ganz allein schaffte, die Alkoholvorräte zu dezimieren. Sogar mein Vater hat von den Flaschen teuren Weißweins am Ende des Abends nur noch wehmütig das Etikett betrachten dürfen.

 

Schenken und beschenkt werden sind ganz bestimmt zwei nichts miteinander zu tun habende, voneinander getrennte Vorgänge, vor allem, was das emotionale Empfinden betrifft. So bleibt mir nur eines zu wünschen: Ihnen das richtige Händchen fürs Schenken und vor allem ein gutes Pokergesicht beim Beschenktwerden.

Ihre Astrid Seehaus

 

PS: Das Weihnachtsbüchlein ist ein Snöggi, ein Büchlein für die Tasche, kostet 1,99 € und kommt im November heraus. Darin geht es um die Reise eines Geschenkes. Vom baumlosen Südpol zum baumlosen Nordpol. Mit vielen kleinen Umwegen. Genau das richtige für den Nikolausstiefel. Da können Sie gar nichts falsch machen.